
Leser M. alias Nicknehm ist mir durch diesen Kommentar aufgefallen
"Wie ich ohne Abitur und Studium, im Alter von 30, durch abhängige Facharbeit rund 100.000 Euro pro Jahr erhalte, dabei eine Sparquote von ~ 65% aufrecht erhalten kann, ohne mich sonderlich einzuschränken, was Reisen, wohnen oder soziale Aktivitäten angeht."
Die Chance auf eine tolle "Tim-Schäfer-Story"! Tim hat ja die echten Chuck-Norris-Sparer (Jahresverdienst 15.000 €, Sparquote 150%, finanziell frei mit 25).
Ich habe Nicknehm trotzdem sofort verhaftet und ihn gebeten seine Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Nicknehm, wer bist Du?
Hallo Albert, mein Name ist M., ich führe mit meiner Partnerin eine mittelferne Beziehung, wohne in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg zur Miete, wurde dieses Jahr 30, ich prokrastiniere und ich bin kein Akademiker mit Niveau.
Meine Eltern - inzwischen beide im Ruhestand - haben als Sachbearbeiter eine kaufmännischen Hintergrund, wobei meine Mutter in den 80ern in einer Partnervermittlung tätig war, lange vor Elitepartner, Parship, Tinder & Co. Später arbeite sie in Teilzeit für eine Lokalzeitung.
Die Grundschule machte mir großen Spaß und ich schloss sie als einer der "Klassenbesten" ab. Danach stellte sich eine Weiche. Aus irgendeinem Grund hatte ich Bammel vor Gymnasien und da der Erziehungsstil meiner Eltern alles andere als autoritär war, schrieben sie mir die Art der weiterführenden Schule nicht vor. So entschied ich mich für die Realschule.
Es folgte die Pubertät und obwohl die Prioritäten in der Schule sich verschoben, schloss ich die mittlere Reife mit Note 1.7 ab. Im letzten Schuljahr bewarb ich mich auf zwei Ausbildungsplätze und bekam von meinem Favoriten, einem Großkonzern der Metall & Elektro-Industrie, die Zusage. Mit Anfang 20 schloß ich die Ausbildung mit 1.6 ab, es folgten 9 Monate Zivildienst und einige Jahre Arbeit als Geselle.
Mein Einstiegsgehalt lag 2008 bei rund 2.400 € *13,2 = 32.000 € jährlich
Die jährlichen Gehaltsverhandlungen verliefen nur schleppend, da mein Vorgesetzter im mittleren Management angesiedelt und deutlich erfahrener in derlei Angelegenheiten war.
2014 bewarb ich mich intern auf eine neue Stelle in Schichtarbeit, welche ich auch bekam.
Die genauen Konditionen lassen sich mit wenigen Klicks bei der IG Metall herausfinden, kurz gesagt: Spät- und vor allem Nachtarbeit werden mit 20-30% bezuschusst, zum Teil steuer-und sozialversicherungsfrei.
Ähnliches gilt für Wochenend- und Feiertagsarbeit. Natürlich muss diese Arbeit auch erstmal erbracht werden. Ich sehe die Mehrarbeit als Art "Nebentätigkeit". So wie andere Leute einen 450 €-Job nebenbei machen.
Nach nunmehr 10 Jahren Berufserfahrung liege ich 2017 bei 83.000 Euro brutto. Wer nicht - wie ich - diverse Steuer- und Sozialversicherungsfrei-Effekte in Anspruch nehen kann, muss rund 90.000 Euro verdienen, um auf den gleichen Nettolohn zu kommen wie ich.
2018 werde ich brutto 90.000 Euro verdienen. Wer 9-to-5 arbeitet, muss bei Steuerklasse eins ein Jahresbrutto von rund 100.000 Euro erwirtschaften.
Meine Sparrate beläuft sich im Mittel auf mehr als 2000 Euro pro Monat.
Schon von Geburt an ein Sparer oder ein Saulus, der erst zum Paulus werden musste?
Gute Frage. Ich war wohl als Kind jemand, der das Geld lieber zusammenhielt.
Der Kapitalist in mir wurde im zarten Alter von etwa 8 Jahren geweckt. Zusammen mit meinem Vater stand ich während der fünften Jahreszeit "in der Bütt" und erhielt teils Honorare im dreistelligen D-Mark-Bereich. Die Krönung damals waren 2.000 DM für circa zehn Minuten Show, die wir fifty/fifty aufteilten. Meine Mutter legte das Geld nach bestem Wissen in langlaufenden Sparbriefen an.
Ich hingegen hatte bis 25-26 kaum Überblick über meine Finanzen und Verträge. Nach Auflösung einer Wohngemeinschaft hat es "Klick" gemacht. Die Wohnkosten sollten sich erhöhen. Es war an der Zeit für eine Bestandsaufnahme.
An diesem Punkt habe ich angefangen Verantwortung für meine Finanzen zu übernehmen. An dieser Stelle ein "Danke" an Albert, für sein umfangreiches und frei zugängliches Angebot, ebenso an sein SEO. Denn gefunden werden, musste der Blog ja nun auch erstmal.
Fragen unter anderem:
- Wo geht mein Geld jeden Monat hin?
- Habe ich Überschüsse?
- In welcher Höhe?
- Was für Verträge bestehen, welche kann ich mit gutem Gewissen kündigen, wo sind Potentiale zu wechseln?
Zu dieser Zeit hatte ich "nebenbei" und auf Auto-Pilot bereits etwa 60.000 Euro verteilt auf Tagesgeld, Giro und betrieblicher Altersversorgung angespart. Hilfreich dabei war sicherlich, dass ich acht Jahre in WGs beziehungsweise zusammen mit der damaligen Freundin wohnte und anfangs nicht mehr als 400 Euro warm fürs Wohnen zahlte.
Deine Assets und warum? Irgendwelche Fehlkäufe?
Aktuell etwa die Hälfte "sicher". In Tagesgeld, einem gut verzinsten Bausparvertrag und einer nervigen Kapitallebensversicherung.
Die chancenorientierten Assets teilen sich zu ca. 42% in MSCI World, 18% Emerging Markets und 40% Einzelaktien (Großteil vom Arbeitgeber, Klumpenrisiko ahoi!) inklusive einer "kleinen" Position P2P auf.
All-In liege ich aktuell bei etwa 180.000 Euro. Abzüglich Verkaufskosten und Steuern für erzielte Gewinne etwas weniger.
Meine größten Fehlkäufe waren eine Menge Pokémon Spielkarten vor etwa 20 Jahren. Mir würden sicher noch viele weitere Fehlkäufe aus den verschiedensten Lebensbereichen einfallen.
Ob Gebrauchtwagen, Wasserbettenkauf und wenige Jahre später "Notverkauf" an ein zwielichtiges Unternehmen oder Kleidungsstücke. Ich finde es nicht schlimm Fehler zu machen. Im Idealfall zieht man eine Erkenntnis für sich heraus und handelt in zukünftigen Situation besser. Lehrgeld eben.
Excelfetischist oder eher "Basst scho"?
Hihihi.. hätte ich kaum besser formulieren können. "Basst scho" beschreibt meine Philosophie sehr gut. Pi mal Daumen reicht mir bei den Momentaufnahmen eines Portfolios vollkommen.
Ohne Informationen, Entscheidungen, Aktion, Arbeit und Disziplin in der einen oder anderen Form geht es natürlich nicht, das wird dem Umfeld nur nicht zu sehr auf die Nase gebunden.
Schädlich für die Mythenbildung. Offiziell habe ich einen Deal mit dem Universum.
Ausblick: Wie siehst Du Deine Zukunft. Wo möchtest Du hin?
Wenn ich mir die Gegenwart ansehe, darf es gerne so weiter gehen. Die finanzielle Freiheit ist der Weg. Auf ihm gibt es Geraden, Kurven, Berge, Täler, Baustellen und Wirtshäuser um einzukehren.
Im Kreis von Arbeitskollegen scherze(?) ich seit Kurzem darüber in zwölf Jahren, zum 25. Jubiläum und im Alter von 42 – angelehnt an Douglas Adams – in den Ruhestand zu gehen. Das Ziel ist natürlich nicht in Stein gemeißelt.
Ich könnte meine Freundin schnappen. Mit ihr die Welt bereisen um letztendlich eine Kette von Currywurst-Ständen im Großraum Tokyo zu betreiben.
Oder ich gründe mit zwei Kumpels ein Gesangstrio für die nächste Apres-Ski-Saison: mit frechen Texten, visionären Shows und überaus schlecht imitierten Dialekten.
Vielleicht Personal Training und Lifestyle-Service für wohlhabende und beleibte Kunden in Form einer Ernährungsgemeinschaft™. Der Klient bestellt sich eine extra große Portion, von der ich etwa 2/3 esse – im Nu erreicht er sein Wunschgewicht, ganz ohne Kalorienzählen!
Ein 450 €-Job würde ebenfalls in Frage kommen – bei der DB als unbeleuchtete Bahnschranke.
Szenarien fallen mir unzählige ein, viele davon erfreulich. Da ich Realist mit einer leichten Tendenz zum Optimismus bin, behalte ich die weniger Erfreulichen für mich und schließe mit – Basst scho.
Was sagt der Finanzwesir?
- Gratulation an M. und weiter so.
- Eine typische Tim-Schäfer-Story. Es sind immer wieder die gleichen Zutaten:
- Intelligenz,
- guter Verdienst,
- Sparsamkeit,
- rentierliche Geldanlage,
- Geduld.
Wenn diese fünf Punkte zusammenkommen entsteht daraus zwangsläufig - fast schon naturgesetzlich - Wohlstand. Currywurst in Tokio gibt es bei SCHMATZ Akasaka.