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Leserin L.: Zockt der Broker mich ab?

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Leserin L. schreibt

Vor zwei Monaten habe ich einen Sparplan bei Consors eröffnet. Ich bespare diese drei ETFs mit monatlich 1.800 Euro

  • Xtracker MSCI World
  • MSCI Emerging Markets
  • Xtracker Stoxx Europe 600

Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass die Kaufkosten je Ausführung bei der Consors 1,5 % betragen. Das finde ich besonders viel bei einer hohen Sparrate. In meinem Fall sind das monatlich 27 Euro.
Nun die Frage, ist es sinnvoll zu einem anderen Broker zu wechseln, z. B. Trade Republic, und das Depot bei der Consors aufzulösen? Oder bei Consors zu bleiben und die Fonds in äquivalente, jedoch kostenlos zu besparende Fonds zu wechseln?

Der Finanzwesir antwortet

"Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass die Kaufkosten je Ausführung bei der Consors 1,5 % betragen, das finde ich besonders viel bei einer hohen Sparrate. In meinem Fall sind das monatlich 27 Euro."

Hm, bei allem Respekt: Wie kann das sein? Von Kaufkosten erfährt man doch nicht. Die recherchiert man, bevor man den Vertrag abschließt.

Sparrate 1.800 Euro

Die durchschnittliche monatliche Sparplanrate im Jahre 2020 beträgt 173 Euro. L. spart mehr als das Zehnfache.

Laut Statista betrug das durchschnittliches Nettogehalt im Jahr 2019 2.075 Euro. Leserin L. spart 87 % der Summe, mit der der Durchschnittsdeutsche

  • seine Miete zahlt,
  • seinen Kühlschrank füllt und gegebenenfalls repariert,
  • die Kinder durchfüttert (so welche da sind), alternativ: Hund, Katze, Wellensittich,
  • sich kleidet,
  • sich frisch macht (man will ja hygienisch sein),
  • seinen Urlaub finanziert,
  • seine Hobbys bezahlt,
  • und dann vielleicht noch 173 Euro für einen ETF auf den MSCI World zurücklegt.

Das alles landet bei L. in 3 ETFs. Respekt! Und damit sind wir eigentlich auch fertig. Der Rest sind nur noch Petitessen.

Das psychologische Problem

Je nach Aufgabenstellung wechseln wir mal eben das Koordinatensystem. Die werbetreibende Wirtschaft hat das perfektioniert.

  • Rabatt auf die neue Sofalandschaft: Fette 150 Euro. Klingt gut, sind aber auch nur 3 % von 4.995 Euro. Statt 4.995 Euro zahlen Sie dann eben 4.845 Euro für den ganzen Kram.
  • Rabatt auf den fast abgelaufenen Joghurt: Fette 30 %. Klingt gut, sind aber nur 24 Cent und der Joghurt kostet dann 55 Cent statt 79 Cent. Toll.

Für den ETF-Sparer gilt

  • 173 Euro macht 2,60 Euro Sparplankosten
  • 1.800 Euro bedeuten 27 Euro Sparplankosten

Beides ist entweder gleich schädlich oder egal. Was nicht geht: Bei 173 Euro zu sagen: "Ach, sind ja nur 2,60 Euro". Wer im Januar anfängt, hat im Oktober auch seine 27 Euro an Sparplankosten zusammen. Dauert halt alles zehn mal so lange. Aber an der Gleichung "Kaufe für 1.800 Euro ETFs und bezahle 27 Euro" hat sich nichts geändert.

1,5% Kaufkosten ETF

Diese Zeitreihe umfasst 211 Monatsschlusskurse (Mai 2003 bis November 2011) des iShares-ETF mit der WKN 622391 auf den S&P 500 mit einer Sparrate von 1.800 Euro. Das sind 17,5 Jahre. Erst ganz am Ende beginnen die Kurven, langsam auseinanderzudriften.
Soviel zur "entsetzlichen Schädlichkeit" von Kaufkosten. Das Meiste, was ich in Foren und Artikeln zu diesem Thema lese, wird von Jungmännern verfasst, die Schwierigkeiten haben, Prioritäten zu setzen. Statt die Karriere voranzutreiben, um mal auf Sparraten, wie die von Leserin L. zu kommen, werden ambitioniert Kosten im einstelligen Eurobereich optimiert. Das Problem liegt ganz wo anders.

Das Hauptproblem

  • Die normalen Monatsschwankungen eines Brot&Butter-Index liegen bei plus minus zwei Prozent.
  • In der Krise geht es 50 Prozent abwärts.

Bei L.s Sparraten bedeutet das:

Ab der ersten Sparrate übersteigt die monatliche Schwankungsrate die Kaufkosten um 9 Euro, das sind 33 %.

  • Kaufkosten: 27 Euro
  • Schwankung: plus minus 36 Euro
  • Delta: 9 Euro

Schon bei der ersten Rate kann es so ausgehen: L. hat 1.800 Euro eingezahlt, 27 Euro an Kaufgebühren bezahlt und landet dann - bei 36 Euro Schwankungspotenzial - bei 1.737 Euro. Im besten Fall hat sie 1.809 Euro im Depot. Sieht doll aus, bedeutet aber nur: Schwankung um die Nulllinie.

  • Nach rund 2 Jahren (25 Monate) schwankt das Depot im Normalbetrieb um eine halbe Monatssparrate (+/- 900 Euro).
  • Nach rund 4 Jahren (50 Monate) schwankt das Depot im Normalbetrieb um eine Monatssparrate (+/- 1.800 Euro).
  • Nach 5 Jahren liegt die normale Monatsschwankung bei gut 2.100 Euro.
  • Nach 10 Jahren plus/minus 4.300 Euro monatlich.
  • Nach 20 Jahren plus/minus 8.600 Euro monatlich.

Dazu kommt noch ein Crash-Potenzial von gut 10.000 Euro im ersten und 20.000 Euro im zweiten Jahr. Danach wird es schwierig mit Prognosen. Aber die obige Grafik zeigt, dass L. nach fünfzehn Jahren mit Einbrüchen von 150.000 bis 200.000 Euro klarkommen muss. Potenziell sind bei dieser hohen Sparrate eine Million Euro nach 17 Jahren drin. Kurshalbierung bedeutet: 500.000 Euro Buchverlust.

Kritisch für L. sind die ersten beiden Jahre. Danach sollte sie sich an die Schwankungen gewöhnt haben.
Eine monatliche Depot-Tide, die um mehr als das Vierfache des durchschnittlichen Nettolohns schwankt, mag für einen Anfänger erschreckend wirken. Aber wer das 20 Jahren durchhält, ist ein Nazaré-Surfer.

Was am Anfang wirklich demotivierend ist: Jeden Monat 1.800 Euro sparen und zwischen 200 und 500 Euro gehen dafür drauf, die Delle auszubügeln, die die Kursverluste ins Depot genagt haben. Da freut man sich: "Yes, die psychologisch wichtige 10.000er-Marke geknackt", und dann landet man doch nur bei 9.978 Euro. Ätzend!

Was hilft?

  1. Nicht so genau hinsehen, Sparplan auf Autopilot
  2. Zufriedenheit mit der Gesamtsituation (richtige ETFs, richtiger Broker)

Was sollte L. tun?

Die Zufriedenheit mit der Gesamtsituation herstellen. Also den Broker wechseln. Aber bitte nicht zu viel davon erwarten. Der Rendite-Boost wird das nicht. Aber das ist ja das Schöne, wenn man mit leichtem Gepäck reist. Drei Brot&Butter-ETFs, das kann nun wirklich jeder Broker.
Ich würde versuchen, das noch 2020 zu erledigen. Einfach weil das dann ein sauberer Schnitt ist. Steuer 2020: Consors, Steuer ab 2021: neuer Broker.
Ein Depotübertrag ist kostenlos, aber immer mit Bürokratiekram verbunden. Wurden Kaufkurs und Kaufgebühren sauber mit übertragen oder nur die Zahl der Stücke? Bei den paar Sparraten kann L. das schnell überprüfen und gegebenenfalls korrigieren.

Aber wenn es so kommt, ist auch nichts verloren.

  • L. ist wild entschlossen, noch dieses Jahr zu Trade Republic zu wechseln. Doch leider kommt der Weihnachtsstress dazwischen.
  • Dann eben im Januar. Leider krank und im Job ist viel zu tun.
  • Februar? Siehe Januar, ohne krank, aber das Geschäft zieht noch mehr an.
  • Irgendwann ist Frühling. Die Sonne kommt, Corona geht und jetzt wird erst mal nachgeholt.
  • Waaas, schon Juli??? Das lohnt nicht mehr. Dieses Jahr bleibe ich bei Consors.
  • Dezember 2021: Siehe Dezember 2020, hoffentlich ohne Corona.

Und irgendwann feiert L. das Zehnjährige bei Consors. So what, Hauptsache zehn Jahre mit 1.800 Euro durchgepowert, dann hat sie vielleicht kein "FUCK-YOU-MONEY", sondern nur "fuck-you-money". Reicht doch auch.

Rubicon of Fuck you
Es geht nur darum, den Rubicon des Fuck you zu überschreiten, dann ist man safe.

Und: Die Reise ist erst zu Ende, wenn man drüben ist.
Deshalb:

"Don’t pay the ferryman
Until he gets you to the other side.
"

Welchen Broker sollte L. wählen?

Ist egal, die sind alle austauschbare Sklaven der BaFin. Ich würde da nicht mehr Leidenschaft investieren, als in die Auswahl der Zuckersorte für die Weihnachtsplätzchen. Die Online-Broker haben Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts damit angefangen, die Neobroker von heute haben es vollendet: Der Lack des Exklusiven (der Herr Bankier) ist ab. Broker sind nur noch Gebrauchsgegenstände. Der Anglizismus Commodity hört sich netter an, meint aber das Gleiche.

Also, yallah, werden wir fertig. Brokerwechsel, so geht’s:

  1. Führt der Broker meine ETFs?
  2. Wenn ja, zu welchen Kaufkosten?
  3. Ist das ein Dauerniedrigpreis oder nur ein zeitlich oder sonst wie befristetes Sonderangebot?
  4. Wie sieht die Compliance aus? Krieg’ ich alles für meine Anlage KAP? Compliance ist der Game-Changer. Geil! ETF zu Null Euro gekauft, dann aber dem Steuerberater 300 Euro in die Hand gedrückt, damit er das Chaos lichtet oder selbst einen Nachmittag sortiert und in beiden Fällen dem Broker hinterhergelaufen, um die letzten Bescheinigungen zu ergattern.

Dieses Szenario ist bei ETFs nicht sonderlich wahrscheinlich, aber für mich ist der Bürokratiekram wichtiger als alles andere. Wenn Kauf- und andere Kosten zu hoch werden, rutscht der Broker in den einschlägigen Vergleichsportalen nach unten. Nicht gut.
Gute Kurse erzwingt der Markt. Jedenfalls für den 08/15-Kram, den L. und ich kaufen.

Zum Thema "Wechsel den ETF": Wer sich für diesen Weg entscheidet, muss konsequent sein. Anlagehorizont: 20 Jahre. Die ersten zwei Jahre ganz genau hingeschaut und immer auf kostenlos gewechselt, dann die Lust verloren.
Sparplan auf Autopilot und "Lass’ mich mit dem Kram in Ruhe".
Maximal ein: "Man müsste mal wieder nach Umsonst-ETFs Ausschau halten" bei der jährlichen Steuererklärung. Aber der Konjunktiv bleibt Konjunktiv und verweilt im irrealen Konditionalsatz. Aus der Sache wird nichts und man kommt mit 2:18 ziemlich unoptimiert aus der Nummer raus.

Fazit: Diese drei Optionen hat L.

  1. Alles so lassen => Sie wird nicht arm sterben
  2. Neuer Broker => Sie wird nicht arm sterben
  3. Bei Consors bleiben und kostenlose ETFs besparen=> Sie wird nicht arm sterben

Was sie später mal rausbekommt, hängt von der Tagesform der Börse in zehn, zwanzig, dreißig Jahren ab.


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