Leser M. fragt
Seit November 2016 bin ich per monatlichem Sparplan wie folgt investiert.
- 210 € monatlich in den MSCI World (A0HGV0) TER 0,50%
- 90 € monatlich in den MSCI EM (A0HGWC) TER 0,75%
- 50 € alle zwei Monate in den Stoxx 600 (EU) (263530) TER 0,20%
Der Stoxx 600 war eigentlich nur ein Experiment, weil der ETF das Domizil Deutschland hat und ich wissen wollte wie das mit der Steuer funktioniert. Deswegen alle zwei Monate 50 Euro, weil 25 Euro bei der DKB nicht geht. Bis jetzt habe ich sieben Raten überwiesen.
Sparplankosten
Ich bespare ausschließlich kostenlose ETFs. Dies ist aktuell eine Aktion, die noch bis Ende diesen Jahres geht. Zusätzlich habe ich mich bei Flatex angemeldet, wo auch alle drei ETFs aktuell kostenlos im Sparplan besparbar sind. Den Broker nutze ich aber zur Zeit nicht, da aktuell die Aktion noch bei der DKB läuft.
Bei der Wahl habe ich auf folgende Kriterien geachtet:
- Steuertransparent
- Steuereinfach (ausschüttend)
- Möglichst geringe TER
- Sparplanfähig ohne Ausgabeausschlag (kostenlos besparbar)
- Physikalisch replizierend (sampling); kein SWAP-Gedöns
- mindestens 50 Millionen Euro Volumen
- Alter mindestens 5 Jahre
- Buy&Hold-Strategie (Anlagezeitraum 20-25 Jahre)
Meine Frage: Würdest du alles so lassen oder folgende Optimierung durchführen?
Ich habe gesehen, dass folgender MSCI World ETF (A0RPWH) nur einen TER von 0,20% statt meinem aktuellen mit 0,50% hat. Der Unterschied ist, dass mein aktueller MSCI World ETF ausschüttend ist und der A0RPWH thesaurierend.
Ich habe mich "damals" bewusst für ausschüttend entschieden, um meinen 801 Euro Freibetrag geltend zu machen und möglichst keinen Stress mit der Steuer zu haben. Die Steuererklärung für 2016 steht noch aus, d.h. ich weiß überhaupt nicht wie aufwendig es wird mit der Steuererklärung. Grundsätzlich gefällt mir der Gedanke "thesaurierend" weil ich mich dann um nichts kümmern muss und das Geld auch sofort wieder eingelegt wird.
Würdest du vielleicht sogar die Sparrate für den MSCI World aufsplitten und 50/50 in den ausschüttenden und thesaurierenden MSCI World ETF investieren? Oder macht das wenig Sinn?
Der Finanzwesir antwortet
Machen wir den Faktencheck:
- M. hat sich acht Kriterien überlegt, die ihm wichtig sind.
- Der Anlagezeitraum soll laut Leser M. 20 bis 25 Jahre betragen. Das sind 240 bis 300 Monate. 7 hat er davon schon abgearbeitet. Das sind - je nach Betrachtungsweise - zwischen 2% und 3% des Anlagezeitraums. Nun möchte er optimieren.
Was bedeutet optimieren?
Nach Lehrbuch: Mindestens ein Kriterium wird besser erfüllt.
Im echten Leben: Man geht einen Kuhhandel ein. Ein Kriterium wird besser erfüllt, dafür nimmt man Abstriche bei einem anderen Kriterium in Kauf und redet sich das Ganze schön: Der Gewinn bei Kriterium A ist so groß, dass ich gerne bei B etwas nachgebe.
Thesaurierend versus ausschüttend
Leser M. legt seit 7 Monaten 325 € monatlich an. Aufs Jahr gesehen sind das 3.900 €, die sich wie folgt zusammensetzen
ETF | Anteil | Summe | Ausschüttungsrendite | Ausschüttung |
---|---|---|---|---|
MSCI World | 65% | 2.520 € | 1,62% | 40,82 € |
MSCI EM | 28% | 1.080 € | 1,45% | 15,66 € |
Stoxx 600 | 8% | 300 € | 4,13% | 12,39 € |
Summe | 68,87 € |
Der Freibetrag beträgt 801 €. M. nutzt davon 69 € ; weniger als 10%. In Jahren ausgedrückt: M. kann noch rund 12 Jahre so weiter sparen, bevor er den Freibetrag sprengt.
Aus steuerlicher Sicht ist alles ok. M. gibt der DKB einen Freistellungsauftrag über 100 € und bekommt alles brutto für netto. Aktuell notiert der MSCI World ETF bei rund 37 €. M. kann für seine Jahresausschüttung beim Rebalancen knapp zwei Anteile kaufen.
Ein Wort noch zur Ausschüttungsrendite: Das ist die Ausschüttungsrendite vom 11.5.2017, die ich mir von der iShares-Site besorgt habe. Selbstverständlich ist das eine Momentaufnahme. Wenn die Ausschüttungsrendite steigt, kann M. womöglich "nur" sieben oder acht Jahre sparen, bevor er den Freibetrag überschreitet. Wenn es dann noch einen Freibetrag gibt. Warten wir mal die Bundestagswahl 2017 ab. Alles über fünf Jahre ist im deutschen Steuerrecht eine Ewigkeit.
0,2% versus 0,5%
Der World Core (0,2% und ausschüttend) wurde am 25.9.2009 gestartet. Wenn wir auf der iShares-Web-Site nachschauen finden wir folgende Performance-Daten für den Zeitraum 25.9.2009 bis 11.5.2017
- World ausschüttend (den hat M.): Aus 10.000 US$ wurden 19.354,24 US$, ein Plus von 93,54%
- World core, thesaurierend (M. erwägt den Kauf): Aus 10.000 US$ wurden 19.599,34 US$, ein Plus von 95,99%
M. will aber nicht mit 10.000 Dollar einsteigen, sondern mit 105 € monatlich, die sich zu 1.260 € jährlich addieren. Je nach Dollar-Parität dauert es sechs bis acht Jahre bis M. das Äquivalent von 10.000 US $ erreicht hat. Ist das ein guter Deal oder ein Kuhhandel? Was sagen M.s Kriterien dazu?
- Steuereinfach (ausschüttend) => verletzt
- Möglichst geringe TER => mehr als eine Halbierung, also voll erfüllt. Bedenken: Ist Hebel groß genug? 0,5% ist wenig, 0,2% ist fast nichts. Bringt ein Auswringen von "wenig" auf "fast nichts" den gewünschten Effekt im Geldbeutel?
- Sparplanfähig ohne Ausgabeausschlag (kostenlos besparbar) => aktuell ja, aber siehe Abschnitt "Achillesferse".
- Beim Rest würde ich sagen: Check, geht klar.
Die Achillesferse
M. kann sein Konstrukt nur wirtschaftlich betreiben, weil er Subventionen abgreift. Er kauft ETFs und lässt sie von Dritten in einem Depot verwalten. Aber er bezahlt die von ihm verursachten Kosten nicht. Statt dessen übernehmen die Marketing-Abteilungen der DKB und der ETF-Anbieter die Zeche.
"Zusätzlich habe ich mich bei Flatex angemeldet, wo auch alle drei ETFs aktuell kostenlos im Sparplan besparbar sind."
Und hier holt die Realität M. ein:
"Flatex: iShares ETF Sparpläne sind nur noch bis 31.05.2017 kostenlos. Anschließend werden bei jeder Sparplan-Ausführung von iShares ETFs auch die Standardgebühren von 0,90 Euro erhoben."
"DKB: Die Aktion iShares-ETF-Sparplan ohne Ausführungsentgelt endet am 31.12.2017"
Das war’s dann mit dem schlauen Plan B. Spätestens im Herbst 2017 geht das Gewühle los:
- Welche Broker-Alternative gibt es noch?
- Soll ich beim Broker bleiben aber ETFs austauschen?
- Wie bewerkstellige ich dem Umzug am besten?
So wie man es vom Steuern sparen kennt: Hauptsache die Schlacht gewonnen (Gebühren oder Steuern gespart); dass dabei der Krieg verloren geht (extrem hohe Opportunitätskosten durch falsche Prioritätensetzung) stört nicht.
Komplexität kostet - entweder Geld, Zeit oder Nerven. Oder alles drei. Man bezahlt. Immer!
Jeder ETF mehr macht es schwieriger die Wunsch-Kombi beim Wunsch-Broker zum Wunschpreis (kostenlos) zu besparen. Langfristig wird der kostenlose Sparplan das gleiche Schicksal wie der T. Rex und das kostenlose Girokonto erleiden. Warum gibt es denn diese kostenlosen Angebote?
- Der ETF-Anbieter will Marktanteile gewinnen. Entweder der Plan geht auf, dann kann der Anbieter irgendwann aufhören sich Wachstum zu kaufen oder der Plan geht nicht auf und ein Controller stellt fest: Das rechnet sich nicht und kappt den Marketing-Deal.
- Der Broker will keine Buy&Holder. Der Broker (englisch für Vermittler) will vermitteln und zwar Trades. Wenn das blöde ETF-Volk nur das Depot füllt, aber ansonsten an der Seitenlinie rumsitzt ist es nicht willkommen. Der sinistre Plan des Brokers: "Wir locken Dich mit dem kostenlosen Sparplan an und infizieren Dich dann mit dem Trading-Virus." Wenn zu viele immun sind, bricht die erhoffte Gebühren-Pandemie nicht aus und der Broker muss sehen wie er die Kohle anderweitig ranschafft. Beispielsweise durch kostenpflichtige Sparpläne.
Was tun?
Weniger Angriffsfläche bieten. Die Zahl der ETFs reduzieren. Wie sehen die Konditionen aus?
DKB | Flatex | |
---|---|---|
Sparplanausführung | 1,50 € | 0,90 € |
Depotgebühr | keine | keine |
Mindestsparrate | 50 € | 50 € |
2 ETFs
Verhältnis | ETF | Summe | Kaufkostenanteil DKB | Kaufkostenanteil Flatex |
---|---|---|---|---|
70% | MSCI World | 227,50 € | 0,66% | 0,4% |
30% | MSCI EM | 97,50 € | 1,54% | 0,92% |
Transaktionskosten DKB: 3 € um 325 € zu platzieren, macht eine Kostenquote von 0,92%
Transaktionskosten Flatex: 1,80 € um 325 € zu platzieren, macht eine Kostenquote von 0,55%
3 ETFs
Verhältnis | ETF | Summe | Kaufkostenanteil DKB | Kaufkostenanteil Flatex |
---|---|---|---|---|
65% | MSCI World | 210 € | 0,71% | 0,43% |
28% | MSCI EM | 90 € | 1,67% | 1,0% |
8% | Stoxx 600 (alle 2 Monate) | 50 € | 3,0% | 1,8% |
Transaktionskosten DKB: 7,50 € um 650 € zu platzieren, macht eine Kostenquote von 1,15%
Transaktionskosten Flatex: 4,50 € um 650 € zu platzieren, macht eine Kostenquote von 0,69%
4 ETFs
Verhältnis | ETF | Summe | Kaufkostenanteil DKB | Kaufkostenanteil Flatex |
---|---|---|---|---|
32,5% | MSCI World ausschüttend | 105 € | 1,43% | 0,86% |
32,5% | MSCI World thesaurierend | 105 € | 1,43% | 0,86% |
28% | MSCI EM | 90 € | 1,67% | 1,0% |
8% | Stoxx 600 (alle 2 Monate) | 50 € | 3,0% | 1,8% |
Transaktionskosten DKB: 10,50 € um 650 € zu platzieren, macht eine Kostenquote von 1,62%
Transaktionskosten Flatex: 6,30 € um 650 € zu platzieren, macht eine Kostenquote von 0,97%
Transaktionskosten zwischen 0,5% und 1% sind akzeptabel für Buy&Hold. Für normale Käufe bedeutet das: Jede Tranche sollte zwischen 1.000 € und 2.000 € liegen. Bei Sparplänen muss man schauen, wie man das mit dem Gebührenmodell der Anbieter in Einklang bringt. Manche Anbieter nehmen prozentuale Gebühren, andere eine Flatrate.
Sparpläne sind grundsätzlich eine tolle Sache. Sie demokratisieren das Aktiensparen. Schon mit kleinsten Beträgen kann man einsteigen. Aber wünschenswert ist dieses Kleinklein nicht. Wenn es nicht anders geht, gut, dann muss man in den sauren Apfel beißen und den Mindermengenzuschlag zahlen. Aber sich durch Überdiversifizierung sein eigenes Gebührengrab zu schaufeln muss nicht sein.
Rebalacing?
Unmöglich. 0,34 Anteile hier, 1,4 Anteile dort. Das ist Rebalancing auf Peanut-Level.
Was tun?
Das Stoxx-Experiment beenden und die zwei Wunsch-ETFs besparen. Das drückt die Kaufgebühren und ist im Einklang mit den acht Kriterien, die M. für sich definiert hat.
Wer schreibt
"Ich habe mich "damals" bewusst für ausschüttend entschieden,…"
sollte jetzt Rückgrat zeigen und nicht auf einmal die acht Kriterien über Bord werfen nur um Platz für einen Thesaurierer zu schaffen.
2020 sprechen wir uns noch einmal, dann hat M. gut 10% seines Anlagezeitraums rum.
Und was ist mit den Gebühren?
- Zu Flatex wechseln. Vorher operative Fallstricke checken (Negativzinsen, Ausstellen der Steuerdokumente). Ich kenne Flatex nicht. Das kann alles ganz easy sein. Aber besser vorher checken, ob man vom Regen in die Traufe kommt oder ob das Plätzchen trocken ist.
- Sparrate verdoppeln. Halbiert die Kostenquote. Auch beim Sparplan gilt: Großhandel kriegt bessere Konditionen als Einzelhandel.
Wann ändert man seine Strategie?
Wenn sich etwas wirklich Dramatisches im Leben ändert.
- Ich werde Vater.
- Ich habe Krebs und die Ärzte geben mit noch zwei Jahre.
- Ich bin berufsunfähig.
- Im neuen Job verdiene ich 50% mehr.
- Ich will jetzt doch das Haus im Grünen.
Für alle anderen Situationen gilt: Füße stillhalten!
Leser M. ist in Phase 3 seiner Entwicklung als Anleger
- Einarbeitungsphase: Oh Gott, ich versteh nichts. Aber ich nehme die Herausforderung an.
- Auswahlphase: Auf der Jagd nach dem alleroptimalsten Depot. Ich habe nun alles gelesen und in Excel berechnet. Das ist meine Traumkombi. Die kaufe ich, der bleibe ich treu.
- Phase des Zweifels: Andere Leute haben auch schöne Depots. Habe ich wirklich mein möglichstes getan? Sollte ich nicht meine Zweifel hinwegoptimieren?
- Phase der buddhistischen Gelassenheit: Liebe Zweifel haut ab und verschwindet im Nirwana. Ich hab’ besseres zu tun, als am Depot rumzubasteln!