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Die unheilige Allianz

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Leser Jörg schreibt

"Die Alpha-Strategie hat bei den Allianzfonds versagt. Für mich ein zu hohes Risiko."

Worum geht es? Die Allianz hat in den USA über Ihre Tochter Allianz Global Invstors die Fondsfamilie "Structured Alpha" aufgelegt. Diese Familie hatte fünf Mitglieder.
Nach heftigen Verlusten im Corona-März 2020 wurden die beiden Fonds Allianz Structured Alpha 1000 und Allianz Structured Alpha 1000 Plus geschlossen. Die anderen Fonds Allianz Structured Alpha 250, 350 und 500 haben auch stark verloren, wurden aber nicht geschlossen.

Die Zahlen hinter dem Alpha stehen für die versprochene Rendite

  • 1000: Eine jährliche Performance von der Rendite von 90-tägigen Treasury Bills plus 10%. Netto, alle Gebühren sind schon abgezogen
  • 500: plus 5 % pro Jahr, auch netto
  • 350: plus 3,5 % pro Jahr, netto
  • 250: plus 2,5 % pro Jahr, netto

Alpha ist divers

Was den Begriff Alpha angeht: Der deckt ein weites Feld ab. Alpha lässt sich am besten dadurch definieren was es nicht ist:

Alpha ist nicht Beta

Alpha ist das aktive Abweichen von der Marktrendite, die man über ETFs bekommt. Wie diese Abweichung zustande kommt spielt erst einmal keine Rolle.

  • Positionierung Democratic Alpha: Alpha wird als Trendfolge und Long-Volatility umgesetzt. In Krisen fängt Alpha den Absturz der ETFs auf und verringert so die Depot-Volatilität. Wenn die Trends in konvergenten Jahren stark genug sind, kann die Trendfolge auch noch etwas beitragen. Die Long-Volatility-Funds haben es schwer, denn gute Jahre sind ruhige Jahre. Zielgruppe: private Anleger, Alpha ist Krisen-Alpha.
  • Positionierung Allianz-Alpha: Wir liefern einen Cashflow. Bitte hier ankreuzen, welches Niveau gewünscht wird (1000, 500…), Zielgruppe: Institutionelle Anleger wie der Public Pension Funds für Fairfield, Connecticut oder die Pensionskasse der Lehrer von Arkansas.

Außer dem Namen hat das Allianz-Alpha wenig bis nichts mit der Democratic-Alpha-Strategie gemein.

Im ganzen Dokument Structured Alpha March 2020 Performance kommt kein einziges Mal das Word Trendfolge vor. Statt dessen steht dort

"The Portfolio has held options positions grouped into three core strategies: (i) Range-Bound Spreads; (ii) Directional Spreads; and (iii) Hedging Positions.

Ebenfalls aus dem oben verlinken Dokument

  • Range Bound Spreads: Bringen den Profit in konvergenten Märkten; sind für rund zwei Drittel des Portfolio-Alphas seit Auflage verantwortlich.
  • Directional Spreads: Generieren Zusatzerträge in "less typical market conditions"; haben etwa ein Drittel zum Portfolio-Alpha beigetragen.
  • Hedging Positions: Bieten Schutz während eines kurzfristigen Crashs; reduzieren das Portfolio-Alpha, da die Ausgaben für diese Positionen selten wieder eingespielt werden.

Was für ein Irrsinn

Range Bound Spreads

Das ist kein Alpha. Zwei Drittel des Portfolios sind Beta. Da werden einfach Optionen verkauft mit dem Ziel die Optionsprämien zu vereinnahmen. Das ist Short Volatility pur. Fachleute nennen das: "Centmünzen vor einer Dampfwalze einsammeln".

Directional Spreads

Verräterische Sprache: Was sind "typical conditions" an der Börse? Wenn es typische Verhältnisse gibt, dann muss es auch untypische Verhältnisse geben. Was sind das für Verhältnisse? Meine Vermutung: Wenn die Volatilität ansteigt und die Kurse sich zügig bis heftig - in die eine oder andere - Richtung bewegen. An der Börse gibt es kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Immer wieder stark ansteigende Volatilität ist typisch für die Börse. "typical conditions" ist die Sprache von Schönwetterkapitänen.
Ist das schon Trendfolge? Ich weiß es nicht. Die Allianz mauert, was die Details angeht.

Hedging Positions

Sie reduzieren das Alpha nicht. Sie sind das Alpha!
Aber wer das Ganze durch die Controllerbrille sieht (Sirenen und ein Depot voller Sandsäcke kosten nur Geld, weg damit) und nicht die Traderperspektive einnimmt (der Ringwall bleibt, auch wenn die letzten Orks vor 100 Jahren gesichtet wurden) kriegt eines Tages die Quittung.
Achtung - wilde Spekulation: Es würde mich nicht wundern, wenn die Allianz die Hedging-Positionen zurückfährt, wenn das Jahresziel von zehn Prozent bedroht ist.

Was hat die Allianz gemacht?

Die Allianz hat ihr eigenes Modell entwickelt. Dieses Modell konzentriert sich auf den US-Amerikanischen Markt. Gehandelt wurden Spreads im Optionsmarkt. Dabei werden Optionen mit unterschiedlicher Laufzeit und oder Bezugspreisen gekauft und verkauft. Der Trader lebt von den Preisdifferenzen (das ist der Spread). Der Preis einer Option orientiert sich immer an einem Basiswert. In diesem Fall waren das der S&P-Index und ETFs mit US-Werten.

Institutionelle Anleger stehen vor einem Dilemma. Sie haben monatliche Zahlungsverpflichtungen. Die benötigten Geldströme generiert man am besten mit AAA-Staatsanleihen, die sieben bis neun Prozent jährlich abwerfen. Die zeichnet man bei der Emission, legt sie sich ins Depot und hält sie bis zur Fälligkeit.
Das Blöde: Diese Wertpapiere gibt es nicht. AAA liefert Minusrenditen und venezolanische Junkbonds bringen nur Mañana-Zinsen (komm’ ich heut’ nicht, komm ich morgen). Diesen Monat keine Pension, weil die Zinsen nicht kamen. Das will kein Feuerwehrmann hören.

Und dann werden Produkte wie die von der Allianz attraktiv. Das ist so ähnlich wie "Dividenden sind der neue Zins". Im juristischen Sinne waren die Alpha-Fonds keine Garantiefonds, aber das Management stand natürlich unter dem Druck diese Performance abzuliefern. Egal wie. In diesem Fall war es dann kein Alpha, sondern gehebeltes Beta und das ist konvergent (viele kleine Gewinne, ab und zu der Megaverlust).

Der Vorwurf lautet:

"Allianz’s desperation to generate gains and avoid losses across the entire family of Alpha Funds during March 2020 created the incentive to take extreme risks, and further deviate from the mandated investment strategy."
Quelle: Institutional Investor

Das ist der Uralt-Klassiker der Verhaltensökonomie: Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, werden Menschen risikoaffin und versuchen die Verluste zurückzuholen. Typisch konvergentes Verhalten.
Ein Trendfolger hätte die Verluste zügig realisiert, sich neu sortiert und dann geschaut was geht. Das wäre divergent gewesen. Aber wenn man bei seinen Geldgebern im Wort steht: "Zehn Prozent über Benchmark" bleibt nur der Heldentod.

Die unheilige Allianz

Bedürftiger Insti mit viel Geld trifft auf Golddigger.
Die Allianz ist ein alter Konzern. Konzerne sind konvergent und haben eine produktzentrierte Weltsicht. Welches Produkt können wir an wen zu welchem Preis verkaufen? Was ist für uns drin? Werfen Sie Excel an und prognostizieren Sie. Und dann wird dem Kunden das verkauft, was er will und nicht das was er braucht.
Die Instis sind auch froh, denn sie haben sich neben der Rendite auch einen Sündenbock eingekauft. Wenn’s nicht klappt, waschen sie ihre Hände in Unschuld und schieben den Vorgang rüber zu den Juristen. Merke:

Für jedes fachliche Problem gibt es eine juristische Lösung

Was wird gebraucht?

Für diesen Job braucht man Trader-Buden. Kleine agile Einheiten, die nicht vom Vertrieb oder Juristen geleitet werden, sondern von Tradern. An der Spitze dieser Firmen müssen Leute stehen, die automatisch beim Betreten eines Raumes die Lage der Notausgänge scannen.
Positionen aufbauen kann jeder. Die Kunst ist es das Zeug - wenn es darauf ankommt - auch blitzschnell wieder loszuwerden und sich neu zu positionieren. Das klappt, wenn man

  1. ein erfahrender Trader ist und
  2. keine Versprechungen macht. Wer keine Versprechungen macht, muss nicht verzweifelt versuchen diese zu halten, sondern kann sich mit dem zufrieden geben, was der Markt in diesem Jahr liefert. Das ist nachhaltig. Um Geld zu verdienen, muss ich erst einmal sicherstellen, dass ich überlebe.

Natürlich kann ich als Anleger meinen Fonds-Managern sagen: "Schafft mir die Kohle ran, egal wie." Damit erzwinge ich konvergentes Verhalten (verlässliche Gewinne) und ruiniere die ganze Diversifikation. Für die Konvergenz sind die ETFs zuständig.

Vorteil von Privatanlegern

Der souveräne Selbstentscheider ist die Krone der Schöpfung.
Warum?

  1. Er ist flexibler. Wenn die Märkte nicht die Rendite hergeben, dann hat er noch andere Geldquellen oder schnallt den Gürtel enger. Das hat nichts mit Alpha zu tun, sondern gilt für jede Börsenstrategie. Egal ob rein passives ETF-Engagement, Einzelaktien-Depot oder was mit Alpha. Verlassen Sie sich nie zu 100 % auf die Börse.
  2. Keine Kompromisse! Er ist der Sonnenkönig seines Depots. Ich möchte nicht wissen, bei wie vielen Instis das Board nach Proporz und nicht nach Kompetenz besetzt ist. Einen Sitz für die pensionierten Professoren, einen für den Landfrauenverband… Wie viele Entscheidungen im Stiftungsrat kommen wohl zustande, weil: "Du willst doch Dekan der juristischen Fakultät werden. Unterstütz’ mich hier bei dieser Allianz-Sache, dann stimme ich im Fakultätsrat für Dich."

Ein Privatanleger herrscht absolutistisch und kann deshalb kann in seinem Depot Dinge umsetzen, die in der konvergent durchregulierten Fragilwelt der Dickschiffe nicht möglich sind.

Fazit

Jörg hat recht: Die Allianzstrategie hat versagt. Das bedeutet nicht, dass man das Alpha mit dem Bade ausschütten sollte.
Was tun?
Alpha ist divers. Nur weil auf zwei Produkten "Alpha" draufsteht bedeutet das nicht, dass sie sich gleich verhalten. Sie müssen die Strategie verstehen. Wird die Abweichung vom Index konvergent oder divergent erzeugt? Ist es Krisen-Alpha oder gehebelte Martkrendite?

  • konvergent = viele kleine Gewinne, ab und an ein fetter Verlust, Fachbegriff: Short Volatility. Konvergente Strategien wollen ihr geregeltes 9-to-5 und dann ein Feierabendbierchen. Wenn sich Mr. Market in einen Werwolf verwandelt brechen sie zusammen.
  • divergent = viele kleine Verluste auf dem Weg zum Goldland, Fachbegriff: Long Volatiliy. Die divergente Strategie ist der Indiana Jones der Märkte. Nazis, Schlangen, Aliens, kein Problem. Je wilder desto besser. Zerschrammt und mit zerknautschtem Hut (kleine Verluste) kommt der Held doch immer irgendwie durch und rettet die Welt (mehr Jackpot geht ja kaum).

So wie es aussieht, hat die Allianz ihr strukturiertes Alpha zu einem guten Teil konvergent erzeugt. Und dann steht noch der Vorwurf im Raum, dass die Fondsmanager in den hektischen Tagen des März 2020 die Nerven verloren haben und angefangen haben zu improvisieren.
Ich habe mich hinter den Kulissen mal umgehört und mehrere langjährige Berufstrader dazu befragt. Beide haben diese Vermutung nicht als vollkommen abwegig vom Tisch gewischt. Näheres werden die Ermittlungen der SEC zeigen.

Unabhängig von den Ermittlungen der SEC: Was bleibt?

  1. Nicht der Name, der auf der Packung steht entscheidet, sondern der Inhalt.
  2. Um den Inhalt beurteilen zu können, brauchen Sie Grundkenntnisse zum Thema Optionen und Futures.
  3. Alpha-Fonds sind People-Business. Die Strategie muss stimmen, aber dann muss die Crew auch Kurs halten. Es reicht, wenn die Strategie gut genug ist. Entscheidend ist auf’m Parkett. Hervorragende Umsetzung toppt brillante Strategie.

Wenn Sie kein People-Business bei der Geldanlage möchten, bleiben nur ETFs.
Nichts ist prognosefreier als der ETF. Solange die Compliance stimmt und irgend jemand das Geld richtig verbucht ist alles gut.
Aktien? Aber hallo, so was von People-Business. Eine Wette auf die Qualitäten der obersten Heeresleitung.
Tagesgeld? Auch People-Buiness. Sie sind der Gläubiger der Bank. Hoffen wir mal, dass der Vorstand seinen Sorgfaltspflichten nachkommt.
Einzig der Brot&Butter-ETF wringt vollkommen seelenlos die Rendite aus dem Markt. Kapitalistischer geht’s nicht. Und genau deshalb immer willkommen in meinem Depot.

Links zum Thema

Hier eine Linksammlung zum Thema. Ich habe diese Links nicht auf sachliche und fachliche Korrektheit geprüft. Das ist ein Service um Ihnen einen Vormittag im Suchmaschinenraum zu ersparen.

Einführender Artikel ins Genre vom Institutional Investor: How to Lose a Billion Dollars Without Really Trying

Lieblingszitat zum Thema Volatiltiy-Trading

"Who chooses to specialize in something so hard to grasp, sell, and make money on? The same people who’d become theoretical physicists instead of plastic surgeons."

Solche Sheldons findet man nicht in Konzernen.


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